Investieren in Krisenzeiten
Crashes sind unangenehm. Aber sie sind nicht die Ausnahme — sie sind Teil des Systems. Wer langfristig investiert, erlebt mindestens zwei bis drei grössere Einbrüche in seinem Anlegerleben. Die entscheidende Frage ist nicht, ob der nächste Crash kommt. Sondern wie du dich dann verhältst.
Die bittere Wahrheit: Nicht der Markt frisst deine Rendite auf. Sondern du selbst.
Was die Geschichte zeigt
Jeder Crash fühlt sich im Moment einzigartig schlimm an. Erst im Rückblick wird klar, wie ähnlich sie sich in ihrem Muster sind: steiler Abfall, längere Erholung, danach neue Höchststände.
| Crash | Index | Verlust | Erholung |
|---|---|---|---|
| Dotcom 2000–2002 | S&P 500 | −49 % | ~6–7 Jahre |
| Finanzkrise 2007–2009 | S&P 500 | −57 % | ~5.5 Jahre |
| COVID-Crash 2020 | S&P 500 | −34 % | ~5 Monate |
| COVID-Crash 2020 | SMI | −32 % | ~3 Monate |
| Bärenmarkt 2022 | S&P 500 | −25 % | ~1.5 Jahre |
Vereinfachte Darstellung des SMI-Verlaufs. Quelle: SIX / Finanzen.net.
Wer im SMI-Tief vom 16. März 2020 verkauft hat, ging bei etwa 7'650 Punkten aus. Sechs Jahre später steht der Index bei rund 13'268 Punkten — ein Plus von 73 Prozent ohne Dividenden. CHF 100'000 an der Seitenlinie sind real an Kaufkraft geschrumpft. CHF 100'000 im Depot geblieben wären heute rund CHF 173'000 wert.
Die teuerste Rendite: die, die du selbst verschenkst
Die renommierte Dalbar-Studie misst seit Jahrzehnten den Unterschied zwischen der Rendite, die ein Index erwirtschaftet, und der Rendite, die private Anleger tatsächlich einfahren. Das Ergebnis ist konsistent enttäuschend.
Im Jahr 2024 erzielte der durchschnittliche Aktienanleger 16.54 %, der S&P 500 hingegen 25.05 %. Eine Lücke von 848 Basispunkten in einem Jahr — die zweitgrösste der letzten zehn Jahre. Der Grund: Anleger hatten in jedem Quartal 2024 Nettoabflüsse aus Aktienfonds. Sie verkauften, obwohl der Markt stieg.
Über 20 Jahre betrachtet erzielte der durchschnittliche Anleger 9.24 % pro Jahr, der Index 10.35 %. Auf ein Portfolio von CHF 500'000 über 20 Jahre hochgerechnet: Der durchschnittliche Anleger verschenkte rund CHF 700'000 Endvermögen, nur durch falsches Timing.
Die Morningstar-Studie «Mind the Gap» kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Über zehn Jahre verlieren Anleger durchschnittlich 1.1 Prozentpunkte pro Jahr gegenüber der Fonds-Rendite — das sind rund 15 Prozent der Gesamtrendite. Am schlimmsten trifft es Sektorfonds: minus 2.6 Prozentpunkte pro Jahr. Volatile Produkte führen zu mehr emotionalem Handel — und emotionaler Handel kostet.
Warum wir alle dieselben Fehler machen
Zwei psychologische Effekte dominieren jedes Crash-Verhalten.
Loss Aversion (Verlustaversion)
Die Arbeit der Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Amos Tversky (Prospect Theory) zeigt: Verluste werden etwa 2.25-mal so stark empfunden wie gleich grosse Gewinne. Der Schmerz, CHF 10'000 zu verlieren, ist gefühlt grösser als die Freude über CHF 10'000 Gewinn. Im Crash will man den Schmerz stoppen — also verkauft man. Dass dieser Verkauf den realen Verlust erst zementiert, fühlt sich im Moment irrelevant an.
Recency Bias (Jüngstheitsverzerrung)
Wir projizieren jüngste Ereignisse überproportional in die Zukunft. Nach einer Woche roter Tage wirken weitere rote Tage unausweichlich. Nach drei Monaten steigender Kurse wirken steigende Kurse wie die Norm. Beides ist falsch — aber beides fühlt sich richtig an.
Wer diese beiden Verzerrungen kennt, erkennt sie in sich selbst. Erkennen allein heilt nicht. Aber es ist der erste Schritt, sie zu überstimmen.
Lump Sum vs. gestaffeltes Investieren
Die Vanguard-Studie untersuchte von 1976 bis 2022, ob Einmaleinzahlung (Lump Sum) oder gestaffelte Einzahlung (Dollar-Cost-Averaging, DCA) besser performt. Das überraschende Resultat:
Warum überhaupt DCA? Weil es für die Psyche einfacher ist. Wer jeden Monat einen Betrag investiert, denkt nicht über den optimalen Einstiegszeitpunkt nach. Das verhindert Panik-Aussteigen — und Panik-Aussteigen kostet deutlich mehr als der DCA-Nachteil.
Die beste Strategie ist also meistens nicht die mathematisch optimale, sondern die, die du emotional durchhältst.
Was du im nächsten Crash tatsächlich tun solltest
Der nächste Crash kommt. Niemand weiss wann. Wer so tut, als wüsste er es, lügt. Was funktioniert statt Timing:
- Automatisches Sparen beibehalten. Dein Sparplan läuft weiter — erst recht im Crash. Im Tief kaufst du günstig ein. Das ist nicht mutig, sondern systematisch.
- Nicht täglich ins Depot schauen. Wer im Crash seine Kurse stündlich kontrolliert, überlastet sich emotional. Ein Blick pro Quartal reicht.
- Notgroschen erst aufbauen, dann investieren. Drei bis sechs Monatsausgaben in Cash. Wer Notgroschen hat, muss im Crash nicht zum ungünstigsten Zeitpunkt verkaufen.
- Risikoprofil ernst nehmen. Wenn du bei −30 Prozent panisch wirst, warst du nie «risikofreudig». Ein Portfolio mit 80 Prozent Aktien ist nicht für jeden passend.
- Langfristige Ziele schriftlich festhalten. Warum investierst du? Pensionierung? Hauskauf? Freiheit? Im Crash hilft es, sich an den Grund zu erinnern.
Der Kontext 2026
Wie steht es aktuell? Die Schweizerische Nationalbank hält den Leitzins seit März 2026 bei 0.0 %. Die Inflation ist mit 0.3 % tief, das BIP-Wachstum wird auf rund 1 % prognostiziert. Der SMI notiert bei etwa 13'268 Punkten — nahe dem 52-Wochen-Hoch von 13'323.
Sparkonten bringen reale Kaufkraftverluste. Wer nicht investiert, verliert langsam — nur unauffälliger. Gleichzeitig sind die Bewertungen hoch; ein Rücksetzer ist jederzeit möglich. Die Frage ist nicht, ob er kommt, sondern wie du dich dann verhältst.
Die Rolle unabhängiger Beratung in der Krise
Hier wird es konkret: Ein unabhängiger Berater sagt dir im Crash nicht, du sollst umschichten, die Strategie ändern oder ein neues Produkt kaufen — nur weil eine Provision fällig wird. Er sagt dir das, was du eigentlich nicht hören willst: «Halte den Kurs.»
Das ist keine Beratung, die viel Umsatz generiert. Aber genau deshalb ist sie in Krisen am meisten wert.
Fazit
Crashes sind normal. Sie sind der Preis für die langfristig überlegene Rendite von Aktien. Wer sie nicht akzeptiert, zahlt einen anderen Preis: die verlorene Rendite durch emotionales Timing, die der Durchschnittsanleger seit Jahrzehnten belegt.
Die beste Strategie ist selten die komplexeste. Sie ist die, die du durchhältst. Wenn du dir ehrlich eingestehen kannst, wie viel Volatilität du aushältst, und wenn du einen Plan hast, an den du dich im Sturm klammern kannst — dann bist du bereits weiter als 95 Prozent der Anleger.
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